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Aus dem Stiefel kein Mucks
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Wartezimmer der Hausarztpraxis, eine Woche später. Neben Nouri sitzt ein älterer Herr. Schwarze Brille, graue Locken, ein zerlesener Corriere dello Sport auf den Knien.
"Sind Sie nicht der Trainer von den Grasshoppers?"
"Manchmal."
Der Italiener nickt. "Champions League vorgestern. Gruppe G. Schwierige Gruppe."
"Sehr."
"Mein Heimatverein ist dort. Siena."
"Ah."
"Mein Bruder hat angerufen aus der Toskana. Er sagt, es war kein Spiel. Es war eine Beerdigung."
"Ohne Aufstellung."
Der Italiener blickt auf. "Wie meinen Sie?"
"Der Trainer hat keinen Zug abgegeben. Zweimal nicht. Hin und Rück. Im selben ZAT."
Lange Stille. Der Italiener faltet die Zeitung zusammen, sehr langsam.
"Sie wollen sagen, mein Verein... hat einfach nicht..."
"Hat einfach nicht."
"Mamma mia."
Pause.
"Und Sie?"
"Wir haben unsere Niederlage wenigstens verdient. |
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Sechs zu null gegen Kalmar. Mit Mannschaft. Mit Schweiss."
Der Italiener schüttelt den Kopf. "Früher haben sie verloren mit Anstand. Heute verlieren sie ohne sich umzuziehen."
Nouri schweigt.
"Wer steht jetzt vorne?"
"Sturm Graz und Kalmar. Beide neun. Wir beide drei. Zwei Spieltage. Sechs Punkte erreichbar. Sechs Punkte Rückstand. Plus Tordifferenz."
"Tordifferenz minus sieben?"
"Hat Ihr Bruder Sie das wissen lassen."
"Mein Bruder ist seit gestern in Trauer."
Der Arzt öffnet die Tür. Ruft den nächsten Patienten auf. Nouri steht auf. Der Italiener tippt mit dem Finger auf die Zeitung.
"Ein Rat, signore Trainer. Spielen Sie am letzten Spieltag gegen Siena, als wäre niemand drüben. Das stimmt nämlich. In jedem Sinn."
Aus dem italienischen Stiefel kommt diese Woche kein Mucks und im Wartezimmer einer Zürcher Hausarztpraxis sitzt jetzt der erste Tifoso, der von seinem eigenen Verein lieber gar nichts mehr hören will. |
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17.05.2026 13:48 -
Nouri -
Grasshopper Zürich
(0.3 TK)
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